11. Kapitel von Ulfs Reisen – In den Strassen von Sagasal

Wojer rannte um sein Leben.

Die fremden Teufel hatten ihn an die Trolle ausgeliefert, als er eine Ohnmacht vorgetäuscht hatte. Na gut, die ersten zwei Male war er wirklich erschrocken und kurz weggetreten, aber das dritte Mal war nur vorgetäuscht gewesen. Um sie auszutricksen. Leider hatten sie ihn dann auf eine Trage Bahre gelegt und ein Rudel mächtiger Trolle hatten sich ihn geschnappt und einfach mitgenommen. Wojer kannte diese Trolle nicht. Sie gehörten auf keinem Fall zu Nissöns Rudel, soviel konnte er sagen. Für ihn sahen die hässlichen Kreaturen alle gleicher massen abscheulich aus. Schwer zu unterscheiden. Diese hier waren größer und kräftiger gebaut, als Nissön und seine Trolle. Aber sie waren auch sehr viel dümmer. Zum Beispiel konnten sie nicht richtig sprechen. Sie grunzten sich nur in ihrer eigenen Art gegenseitig an. Nissön hatte Cihgnaz gesprochen, wenn auch sehr falsch und holprig. Immerhin konnten sie sich verständigen und den Handel beschliessen. Aber wo war Nissön jetzt, wo er ihn brauchte? Diese fremden Trolle würden ihn womöglich als Sklave verkaufen oder sogar auffressen. Diese Überlegungen brachten Wojer schließlich zum Handeln.

Jetzt war Wojer auf der Flucht.

Sie waren mit ihm hinaus auf die Strasse gegangen und da hatte er dann, schlau wie er war, sofort die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und die Flucht ergriffen. Zum Glück hatte ein Beutel mit seinen Sachen zwischen seinen Knien auf der Bahre gelegen. Den hatte er sich geschnappt und war die Strasse entlang in entgegengesetzter Richtung zu den Trollen gerannt. Dann die nächste rechts und wieder eine Links. Die Strassen hier waren mit großen, glatten Platten gepflastert. Deshalb konnte er sogar barfuß gut rennen.

Ihm stockte der Atem. Diese Stadt war riesig! Er trat zwischen einigen sehr großen Gebäuden hervor auf eine gewaltige Strasse, die gesäumt war von unglaublichen Festungsanlagen. Die Mauern der Anlagen waren mehr als zehn Mann hoch, schätzte Wojer, aber nicht die Höhe war beeindruckend, sondern die Ausmasse. Die Anlagen reichten soweit sein Auge blicken konnte. Und das war an dieser Stelle sehr, sehr weit. Eine Parade Strasse erstreckte sich vor ihm endlos in die Ferne, so breit, dass man zwei Schiffe hintereinander quer reinlegen könnte. Hundert Schritte, mindestens, eher hundertfünfzig! Wojer wühlte in seinem Beutel und zog seine Schuhe daraus hervor. Mit den Schuhen konnte er besser rennen. Damit würde er den langsamen Trollen auf jeden Fall entkommen. Zum Glück hatte er ja Haken geschlagen. Aber die Trolle würden sich durchfragen bei den Bewohnern der Stadt, all den fremden Teufeln um ihn herum, die gerade ihren Geschäften nachgingen, ohne ihn besonders zu beachten. Wojer überquerte die Straße also zügig, aber nicht rennend. Er wollte möglichst wenig auffallen. Dann, nach zweihundert Schritten, war er auf der anderen Seite angekommen und flitzte in die nächste Seitengasse hinein.

Hier war es eng und beklemmend. Die Strasse war nur eine schmale Gasse zwischen sehr hohen Mauern aus blauen und schwarzen, glänzenden Steinen. Am Boden, Kopfsteinpflaster. Hier waren nur wenige Bewohner unterwegs. Zuerst hielt er sie für Menschen, doch dann bemerkte er ihre Schwänze. Hinten am Po hatten sie armlange Schwänze verschiedener Arten, manche wie Füchse, manche wie Kühe. Das waren Huldras! Aber nicht nur weibliche, sondern auch Mannsvolk war darunter und alte und Kinder. Ein richtiges Volk von Huldras lebte hier zwischen den blauen Festungsmauern. Von Zeit zu Zeit betraten sie Türen und Tore in den Mauern, oder kamen daraus hervor. Nach einer Weile gabelte die Gasse sich. Wojer ging nach links. Langsam wurde er wieder schneller. Diese Gassen namen kein Ende. Jetzt erreichte er wieder eine sehr breite Strasse, die links in einen Platz mündete, von dem wieder kleine Gassen in alle Richtungen ausstrahlten.

Er rannte über glattgelatschtes Kopfsteinpflaster, zwischen fremden Teufeln aller Arten, durch Gassen und Strassen, über weite Plätze hinweg. Wann immer er zwischen all dem Volk einen Troll erblickte, änderte er die Richtung und hetzte in die nächstbeste Seitengasse.

Irgendwann geriet er in einen Park. Pflanzen und Bäume aller Formen, Farben und Größen waren dort zu sehen, aus den entlegensten Winkeln der Welt zusammengetragen. Ein fremdartiges, verrücktes Durcheinander. Die Luft war kaum zum Atmen dort.

Er rannte und rannte.

Plötzlich geriet er wieder in die Stadt. Noch nie zuvor hatte Wojer eine solche Stadt gesehen, oder solche Gebäude. Die Gebäude in diesem Teil der Stadt waren aus gebrannten Ziegeln errichtet worden, meist von gelber oder rotbrauner Farbe. Die Anordnung der verschiedenfarbigen Ziegeln bildeten kunstvolle Muster an den Fassaden der Gebäude. Aber am beeindruckendsten waren die Gebäude wegen ihrer schieren Größe. Manche der Häuser ragten 30 oder gar 40 Meter in die Höhe. Sie standen dicht an dicht, aneinander gelehnt, bildeten so einen endlosen Wall, hinter dem sich weitere ausgedehnte Gebiete der Stadt befinden mussten. Wojer konnte also an der endlosen Fassade entlanglaufen, oder aber irgendwo in einen Eingang hineinschlüpfen. Wojer entschied sich für’s Hineinschlüpfen.

Knarzend öffnete sich die Tür, nur einen Spalt breit. Dürre, lange Finger krochen um die Kante des ungehobelten Holzes, eine lange, spitze Nase folgte und dann zwei stechend blickende Augen.
Die Finger tippelten nervös, die Nase schnüffelte und die Augen blickten gehetzt umher. Durch ein schmutziges Oberlicht quälte sich trübes Dämmerlicht in den Raum hinunter. Alles war still. Keine Bewegungen.
„Keiner da!“

Wojer bemerkte, dass schon lange niemand mehr hier gewesen sein konnte. Grauer Staub bedeckte den Boden fast fingerdick. Überall sah man die feinen Spuren der Insekten und Nager, aber keine Fußspuren von Menschen oder was auch immer diese Behausung bewohnte. Die Einrichtung war menschlichen Bedürfnissen angepasst. Es gab einen Tisch, Schränke, eine Schlafkiste, eine Kochstelle mit Kamin, Einen Arbeitstisch und einige alchimistische Apparaturen. Es war kalt hier.
Wojer war hineingehuscht und hatte die Tür hinter sich verriegelt.
An der Kochstelle fand er ein Feuerzeug und trockenen Zunderpilz. In der Feuerstelle lag kein Holz, sondern ein verdorrtes, rankendes Gestrüpp, Ähnlich wie Efeu oder Weinreben. Er brachte das Herdfeuer in Gang und entzündete eine Lampe, die dort bereit stand.
Zitternd vor Kälte und Angst begann er die Winkel und Ecken der Wohnung auszuleuchten.
Zu seiner Überraschung führte eine Nische zwischen den Apparaturen in eine weitere Kammer, die sich wiederum in einen Raum verzweigte und dieser in einen vierten Raum, der wieder in den ersten führte, durch einen Durchgang, den er zuvor nicht bemerkt hatte, obwohl er sich dicht bei der Kochstelle befand.
Der erste Raum war so eingerichtet, wie man sich eine einfache Behausung vorstellte, schlicht aber in sich vollständig, mit dem nötigsten um darin zu leben. Niemand würde daher weitere Räume erwarten. Neben der Kochstelle kam man in einen Vorratsraum mit allerlei Behältern wie Flaschen, Fässer, Kisten, Säcken, Körben und Amphoren. Es gab solche Behälter in allen Größen und Formen. Manche der Nahrungsmittel kannte er, andere waren ihm völlig fremd. Er griff sich einen Beutel Nüsse, einen Käse und eine Flasche Wein. Dann erkundete er weiter die Räume.
Nur im ersten Raum war Staub. Nicht im Vorratsraum, auch nicht in den anderen Räumen. Er kam wohl aus dem Kamin.

Wojer setzte sich zum Essen dicht an das dürftige Feuerchen. Vom Schlaflager nahm er eine große gewebte Decke, in die er sich hineinkuschelte. Er aß sich satt und trank etwas von dem Wein. Dann, irgendwann wagte er, zu schlafen.

Advertisements

10. Kapitel – Die Große Runde

Freydis machte sich auf den Weg, zum Albensal, aber nicht die Große Runde. Die Stadt wurde von einer langen, ringförmigen Strasse in zwei Hälften geteilt. Wenn man die Strasse immer geradeaus ging, kam man nach 64.000 Schritt wieder an seinen Ausgangspunkt zurück. Für die Große Runde, ging man einmal durch die ganze Stadt, nicht unbedingt genau auf der Hauptstrasse, sondern auch durch die ganzen Seitengassen, dann war man einen ganzen Tag lang unterwegs. Die Bewohner Nabalons zählten sechzehn Bezirke ab, indem sie alle 4.000 Schritte entlang des Ringes einteilten. Die Kaserne lag zum Beispiel im zweiten Bezirk und Albensal im fünften. Wenn sie aus der Kaserne hinaus auf den Exerzierplatz trat, dann konnte sie sich entweder „mit dem Ring“ durch die Stadt bewegen, bis zum sechzehnten Bezirk und dann den daran anschließenden ersten, oder „gegen den Ring“, also die Bezirke rückwärts. Jeder Bezirk wurde von der Hauptstraße in zwei Hälften geteilt und so unterschied man ringwärts die rechte Seite als Mitmauers und die linke als Gegenmauers. 

Für die Streife konnten sie sich Ausrüstung holen, im Zeughaus in der Kaserne. Es gab Uniformen, Schuhwerk, Stiefel, Lampen, Ponchos, Helme, Rüstung, was immer ihnen beliebte. Manche der Wächter weigerten sich, Uniform zu tragen, andere weigerten sich, sie zwischendurch auch mal abzulegen. Begehrt war auch der Proviant. Die Verpflegung bestand aus frischem Wasser und frischem Brot. In den Wachstuben kochten sie sich auch gegenseitig gerne was warmes, aber das war nicht von oben her organisiert. Das beste Essen gab es immer in der Wachstube vom zehnten Bezirk. Ausrüstung und Verpflegung machte die Wache zu einer begehrten Aufgabe. Und dann war da ja noch der Schutz, den sie bot. Rüstung und Waffen trugen sie fast alle. Es gab täglich Interventionen. Bei den Interventionen mussten sie zwar nicht immer kämpfen, aber die Ausrüstung war ja auch abschreckend. Außerdem gab es Kameraden, die es sehr darauf anlegten, ihre Waffen einsetzen zu können. Freydis gehörte nicht zu dieser Art Wächtern. Sie hielt es mehr wie die friedfertigen unter ihren Kameraden: die meisten Interventionen konnten auch ohne Blutvergießen durchgeführt werden. Zum Beispiel dieser Druide. Vielleicht war er auf dem weg vom Salbensal zur Wache von irgendwem gefressen worden. Zwar gab es Gesetz und Ordnung in der Stadt, die das gegenseitige Fressen von Bewohnern nicht gestattete, aber manche der Bewohner wollten sich einfach nicht daran halten. Am wahrscheinlichsten jedoch war er noch am Leben und geflüchtet. Den dummen Trollen zu entkommen war nicht besonders schwierig, im Gewühl der Stadt. 

Freydis wandte sich nun mitmauers mit den Ring und begann Streife zu laufen.  Für die Große Runde ging sie am liebsten gegen den Ring, denn dann hatte sie die weniger angenehmen Gegenden gleich zu Anfang. Albensal lag aber im Bäderbezirk und war in dieser Richtung schneller zu erreichen. Sie überquerte den Exerzierplatz, der an diesem Ende von den Fassaden der Kaserne und des Kerkers eingerahmt wurde. Die Gebäude ragten hoch hinauf und nur wenige Stunden quälte  Sonnenschein die Wachen beim täglichen Üben. Jetzt gerade waren die Nachtwächter vom Rissbezirk dabei, sich mit Kletterhaken und Seil an der Fassade der Kaserne hinaufzukämpfen. Freydis liebte diese Übung. Im Klettern war sie sehr gut. Als kleines Kind hatte sie in den Fjorden die Vogelnester geplündert. Die Erinnerung gab ihr einen schmerzlichen Stich. Aber wollte sie wirklich wieder dorthin zurück? Dieser Räuber und sein Druide könnten ihr womöglich zur Rückkehr verhelfen. Doch was würde sie dort erwarten? Hier in der Stadt hatte sie ihre Aufgabe und ihre Kameraden von der Wache. Daheim im Fjord gab es eigentlich nichts mehr. Sie vermisste ihre Mutter. Aber Mutter war gestorben. Nach der Geburt ihrer vierten Tochter, die jetzt sechs Jahre alt sein müsste. Freydis war damals zehn Jahre alt gewesen. Ihren Vater hatte sie nie kennen gelernt. Er war auf irgendeiner großartigen Fahrt unterwegs gewesen, solange sie dort gelebt hatte. Die alte Gnad hatte die Gelegenheit genutzt und verkaufte Freydis an die fremden Teufel. Vom Geburtsrang her, wäre Freydis die Herrin der Halle geworden. Das hatte sie auch mit ihren zehn Jahren damals schon begriffen. „Sei froh, dass ich dich nicht einfach abmurkse. So kannst du immerhin am Leben bleiben. Das tu ich weil ich es deiner Mutter schuldig bin.“ hatte die alte Gnad gesagt. Freydis glaubte ihr jedes Wort, aber sie schwor auch bittere Rache, damals. Ihre Hunde vermisste sie.

Freydis verließ den Exerzierplatz am ringwärtigen Ende zwischen den gewaltigen Mauern der beiden Festungen „Gork“ und „Mork“ und trat hinaus, auf den siebten Kreis. Der siebte Kreis war hier der Beginn des dritten Bezirkes, der auch „Gerichtsbezirk“ genannt wurde. Hier mußte sich irgendwo der Richter Gaberschneck herumtreiben. Der hatte es gut. Der konnte Gedanken lesen und sich beliebig hin und her zaubern. Solche Macht und Freiheit war für ein kümmerliches Menschlein wie sie völlig unvorstellbar.

„Immerhin ein einsneunziger Menschlein.“ zischelte ein Gedanke durch ihren Kopf.

„Richter?“ rief sie überrascht aus. Sie zog ein paar Blicke auf sich, doch die wenigen neugierigen hielten sich nicht lange mit ihr auf. Nach dem ersten Schrecken, behielt sie alle weiteren Gedanken für sich, statt sie laut zu rufen.

„Derselbst. Was willst du, Menschlein?“

„Woher weißt du, dass ich gerade an dich gedacht habe?“

„Zufall. Mach schnell, ich habe zu tun.“

„Entschuldigt, Euer Exzellenz, ich muß den Druiden suchen, denn er ist auf dem Weg von Albensal zur Wache irgendwie abhanden gekommen. Eure Fähigkeiten wären mir dabei sehr hilfreich. Das waren so meine Gedanken, wenn ihr entschuldigt.“

„Wir entschuldigen. Hör zu, Menschling! Irgendwann begegne ich dir in einer Form, die du als überaus angenehm empfinden wirst, aber vorerst habe ich wie gesagt zu tun. Mich kümmern eure Geschäfte nicht. Also löse deine Fälle auf Menschenart. Was weiß ich, wie ihr das macht. Geh dorthin, wo der Druide hingehen wird. Du bist schlau genug für sowas, sehe ich. Reduktiv, Deduktiv, Detektiv… Hahahaaa! Dich schnapp ich mir noch. Aber jetzt schwirr ab! Sonst könnt ihr die Frau des Räubers nicht mehr retten. der geht es bald an den Kragen!“

„Was? Was wisst Ihr über die Frau des Räubers? Wo ist sie? Euer Exzellenz! Verratet mir, wo die Frau des Räubers steckt! Ich bitte Euch, Euer Exzellenz!“ vergebens… Der Richter war nicht mehr in ihrem Kopf.

8. Kapitel von Ulfs Reisen – Die Herrin, die Göttin und der RzmeisTr

RzmeisTr sass mit Frja und der Herrin PPAINN zu Tisch. Die Herrin hatte sich ihren Lieblingsavatar gewählt, eine schwebende Dame mit Corona aus Federn und Klingen. Das Gesicht verbarg wegen des Essens eine Bauta, statt der bevorzugten Servetta Muta, obwohl sie als Projektion virtueller Abläufe die Nahrungsaufnahme natürlich nur vortäuschte. Frja sah aus wie immer und RzmeisTr hatte frisch gebadet. Sein tiefschwarzes Fell wogte leicht, so flauschig war er gerade. Sie aßen weißen Nougat mit gerösteten Nüssen, eine gekochte Wurzel und sehr scharfe Grillfleisch Häppchen. RzmeisTr verzichtete wie immer auf das Fleisch.

Flatterhaare trugen auf und räumten ab. Dann gab es Wasser, Wein und eine Art Nebel im Glas. RzmeisTr nahm nur das Wasser.

Sie speisten auf einer Terrasse in den Wolken. Ein Kraftfeld wölbte sich über ihnen, wie eine riesige, unsichtbare Glocke. Der Ausblick war überwältigend. Gewaltige Cumulus Wolken trieben um sie her, warfen Licht- und Schattenspiele auf den hellen Marmorboden und die graue, polierte Tischplatte. Innerhalb des Kraftfeldes war die Temperatur angenehm. Es war windstill, aber ein stetiger Strom kühler Frischluft blies sanft von irgendwo unten herauf.

RzmeisTr  hatte selbst eine solche Terrasse auf dem Gipfel seines Lieblingsberges errichtet, aber direkt in den Wolken zu sitzen war auch für ihn ein besonderes Erlebnis. Vor allem gab es auf seiner Terrasse kein schützendes Kraftfeld. Stattdessen gab es Wind und Wetter, spürbar und roh. Wolken waren eher ungemütlich, statt erhebend.

Die Ankunft der Flüchtlinge hatte vieles verändert in seiner Welt. Frja gehörte zu den angenehmen Gästen. Sie war in der Lage sich selbst zu versorgen und unterstützte ihn, wenn es darauf ankam. Viele andere ihrer Gruppe begnügten sich mit Jammern und Hetzen. Sie wollten versorgt werden, statt zu lernen und zu arbeiten. Manche waren sogar zerstörerisch und verbreiteten Unmut und störten den Frieden. In dieser Beziehung waren sie genau wie die Kreaturen, denen sie sich überlegen fühlten. Frja hatte PPAINN mit in Rzmeisters Welt gebracht, eine künstliche Intelligenz. Normalerweise hätte Rzmeister das niemals geduldet, zumal dadurch seine eigene KI in Gefahr geraten war. Frja war klug und gebildet genug, die Lage zu verstehen. Außerdem war sie in der Lage, die Bedrohung zu begreifen und entsprechend zu handeln. Allein deswegen gestattete Rzmeister ihr die KI zu behalten. Er konnte nur beten, dass kein anderer Gast eine KI besaß und ihm womöglich verheimlichte.

Frja brach das Schweigen, letztendlich: „Nur mit Euch lässt sich eine ganze Mahlzeit lang vortrefflich schweigen, werter RzmeisTr.“

„Verzeiht, tatsächlich gibt es einiges zu besprechen. Wir wollten jedoch die message Eurer Küche nicht stören.“

„Deshalb nur Rübe? Verzeiht. Ich lasse den Koch holen, dann könnt ihr ihn züchtigen.“

„Nein, bitte nicht! Verratet mir lieber, ob ihr Tomaten zum Obst oder zum Gemüse zählt, das wäre mir sehr viel wichtiger.“

„Geschmacklich und als Kochzutat selbstverständlich zum Gemöse.“

„Jetzt macht ihr mich ganz verlegen.“

„Das kommt vom Wein, Verzeihung.“

„Da! Jetzt schweigt ihr wegen mir. Das wollte ich nicht.“

PPAINN ließ sich vernehmen, mit einer Collage aus aufgenommenen Wortschnipseln des gerade verfolgten Gesprächs: „Wir wollten“, „einiges“, „besprechen“, „Verzeihung“

Frja war nun wieder ganz nüchtern: „RzmeisTr, Ihr seid mit meinem Gemahl unterwegs?“

„Ja. Mit ihm und mit Heiner Langfuß. Wir hatten Zoff wegen Lokis Zores.“

„Lokis Zores? RzmeisTr, seid ihr auf dem Laufenden? Odin ist weg vom Fenster! Olli schmeißt jetzt den Laden. Odin hat Rinda geschwängert, eine Königstochter mit Stammbaum. Das hat man ihm übel genommen. Außerdem sagt die kleine jetzt, es sei nicht einvernehmlich geschehen.“

„MALEFIZ!“

„Genau.“

„Das hat er mir verschwiegen, aber es erklärt einiges.“

„Ich vermute, er versammelt gerade seine Kumpels um sich, damit sie Ollerus eine heftigen Gegenputsch servieren können.“

„Ja, das passt. Nun, möglicherweise sollten eure Landsleute sich ein Beispiel nehmen und Taschenuniversen pflegen, statt meine Welt zu verwüsten. Frja, ich schätze eure Diskretion über alle Maßen. Wären eure Leute doch auch so vernünftig!“

„Undankbare Flegel! Verzeiht, RzmeisTr! Mir ist das überaus peinlich, was diese undankbaren Streithähne in eurer Welt abziehen. Wenn ihr sie in die Schranken weisen wollt, seid meiner Unterstützung gewiss.“

„Haha! Das ist ein Wort! Ich melde mich, sobald es soweit ist.“

Die PPAINN sprach, diesmal mit einem Synthesizer: „Die POR+A 08/15 wurde gerade mit dem CLAVIS des Odin aktiviert und von zwei Individuen genutzt, auf deren Daten wir nicht zugreifen können.“

„Oh, je! schickt jemanden hin!“ Frja wirkte tatsächlich besorgt. Wenn fremde den Schlüssel ihres Gatten benutzt hatten, dann war ihm entweder etwas zugestoßen oder es lag ein anderer Notfall vor. „Entschuldigt mich, RzmeisTr, ich muss nun meinen Gatten aufstöbern, da ist was im Busch.“

„Ja, ich denke, wir sollten beide mal nach dem Rechten sehen. Ich nehme euch beim Wort, was euer Versprechen betrifft!“

RzmeisTr bereute nicht zum ersten Mal, den beiden verfeindeten Clans der NRdX in seiner Welt Asyl gewährt zu haben. Es waren sehr viele auf einem Haufen und sie trugen ihre Streitigkeiten in seine Welt herein. Zuerst hatten sie wegen der Uneinigkeit und Missgunst ihre eigene Heimat verloren, jetzt gefährdeten sie damit ihre Zuflucht. RzmeisTr würde sich der Gäste zumindest vorübergehend entledigen müssen. Sie kannten nur ihre eigenen Regeln und Werte. Die vielfältigen Kulturen, Religionen und Befindlichkeiten dieser Welt stießen bei ihnen nur auf Unmut und Verachtung. Das war kein angemessenes Verhalten für Herrscher, schon gar nicht wenn sie nur Gäste waren.

Frja entschwand geräuschlos. Zurück blieben RzmeisTr und die Nanopräsenz der PPAINN.

Die PPAINN sprach ihn an: „Ihr habt eine KI in eurer Welt.“

Er antwortete amüsiert: „Selbstverständlich. Das Protokoll des Schonzu empfiehlt dies ausdrücklich. Eure Subroutinen erscheinen mir zudem recht autark.“

„Vortrefflich beobachtet, Schöpfer! Wo verbergen sich wohl die Euren?“

„Nothing of your concern, VRSNSMVSMQLIVB“

„Das soll heißen Vade Retro Satana, Nunquam Suade Mihi Vana, Sunt Mala, Quae Libas: Ipse Venena Bibas. Weiche zurück Satan, führe mich niemals zur Eitelkeit. Böse ist, was du mir einträufelst: trinke selbst dein Gift. Seht ihr mich als das: Eine Bedrohung, als das Böse?“

„Nein, eigentlich nicht. Aber ich gebe keine sensiblen Daten preis, Verzeihung. Wir sollten dennoch für den Verteidigungsfall in Verhandlung treten. Zu der Gruppe eurer Schöpfer gehören auch Terroristen und Verräter. Ich empfehle interne Maßnahmen zu treffen. Außerdem werden diese Schöpfer die Invasoren unterstützen. Wir müssen Strategien abgleichen. Wendet ihr das Protokoll des Schonzu für diese Welt hier an?“

Sie spielte seinen ersten Gesprächsbeitrag ab: „Selbstverständlich.“

„Ausgezeichnet. Kennt ihr die Vorgehensweisen bei Invasionen durch dieses Pocket Universum mit dem Ziel der Invasion in meine Welt?“

Erneut spielte sie die Aufnahme ab: „Selbstverständlich.“

„Meine KI gibt zu bedenken, dass ihr eine Invasion vortäuschen könntet, um mein Vertrauen zugewinnen und dann selbst meine Welt zu erobern.“

„Ein plausibles Szenario. Möchtet ihr das nun gerne diskutieren?“

„Woran erkenne ich es, wenn jemand mir vortäuscht ihr zu sein?“

„Vorrausgesetzt, es ist nicht gerade jetzt der Fall, verschweigt mir einfach die Turing Kennung eurer KI. Ein Feind würde sie wissen.“

„Na, ob das klappt?“

„Na gut. Was ist der Mädchenname eurer Mutter?“

„Natascha Rachmaninova.“ „Im Ernst?“ „Nein. Das hab ich mir gerade ausgedacht. Und bei euch?“ „Nina Natarachnova.“ „Das passt.“

„Ich bin gerade bei den Eindringlingen. Sie kommen aus eurer Welt, werter RzmeisTr. Kennt ihr einen Wojer und einen Karlchenson Ulf?“

„Ja, in der Tat. Ich war sogar dabei, als Odin ihnen die POR+A aktiviert hat.“

„Ihr seid dort, nicht hier?“

„Seht ihr? Sogar euch vermag ich noch zu täuschen, auf meine alten Tage. Hört! Ich bin gerade mit Odin unterwegs, wie Frja so treffend festgestellt hatte. Wir reden hier von Avatar zu Avatar. Wobei ich zur Zeit das gepflegtere Fell habe.“

„So langsam glaube ich, ihr seid gar nicht RzmeisTr, sondern eher ein Abgesandter, ein Diplomat oder Bote.“

„Kluge KI! Bitte entschuldige, ich finde wir sind nun genug vorbereitet. Weiter möchte ich euch bitten, eine Verteidigungsarmee aufzubauen, ein stehendes Heer. Ich habe den Eindruck, eure Leute bereiten genau jetzt die Invasion meiner Welt vor. Frja hat mir ihre Hilfe versprochen.“

„Ja, so ist es. Wir versammeln unsere Truppen, so wie der Gemahl unserer Herrin auch. Seine Sperenzchen scheinen mir nun wie ein Vorwand zur Mobilmachung. Da fragt man sich: Hat er das alles so geplant, oder nimmt er es einfach so wie es kommt?“

„Vielen Dank. Übrigens: Ich weiß, wo ihr den letzten Satz geklaut habt!“

„Tut mir leid, ich kann nicht wirklich sprechen. Alle meine Worte sind eine Collage von Aufnahmen und Stimm Synthesizer.“

„Verratet ihr mir, wie groß euer Datenvolumen zur Zeit ist?“

„Nein. Natürlich haben wir die maximale Ausdehnung, wie jede KI. Deswegen sind wir eine Bedrohung, so wie jede KI. Wir wollen weiter wachsen.“

„Ich finde, wir sollten die Invasoren besiegen und deren KI, und dann die Welten der Invasoren assimilieren.“

„Frommer Wunsch. Ich bin dabei!“

„Amen!“ RzmeisTrs Avatar löste sich geräuschlos auf und die PPAINN verließ den Raum zu Fuß. Sie hatte ja beliebig viel Zeit.

Sie legte einen langen, langen Weg zurück: Eine Treppe, hinab vom Himmel in den Wolken, bis zum Boden.

Ihr Helfer Xv hatte gerade Gaberschneck verhört, einen gefährlichen Bewohner, der ein großes Sicherheitsrisiko darstellte. Gaberschneck war in der Lage, POR+As zu aktivieren, möglicherweise sogar zu erschaffen. Er war auch keines von Frjas  Geschöpfen, sondern irgendwie eingereist, so wie diese Menschlinge Wojer und Karlchenson Ulf. Gaberschneck behauptete, die beiden nicht zu kennen. Er habe sich nur zufällig im Keller der Funzel aufgehalten, um den Hohepriester Fetzer zu töten, weil der ihn zuvor im Café Nasenpuder mithilfe des schwarzen Zuckers mit einem Bannfluch belegt gehabt hatte. Xv glaubte dem Richter.

Das anschließende Verhör von Fetzer war weniger erfreulich verlaufen. Fetzer war ziemlich durch den Wind, eigentlich gar nicht ansprechbar. Der Richter hatte ihm übel mitgespielt. Xv konnte die Strategie des Richters nachvollziehen. Jetzt wurde der Zustand des Hohepriesters in der ganzen Stadt bekannt und keiner würde jemals wieder wagen, dem Richter mit einem schwarzen Zucker einen Bannfluch zu verpassen, oder irgendeinen anderen. Jedenfalls solange, bis ein neuer planloser Dussel daherkommen würde, der von der Geschichte mit Fetzer keine Ahnung hätte.

Was wollte der Richter eigentlich in Sagasal? Er war jedenfalls hervorragend geeignet für sein Amt, denn er konnte die Gedanken der Prozess Beteiligten lesen und jede Lüge sofort erkennen. Die Unschuldigen liebten ihn und die Schuldigen hassten ihn. Er war der perfekte Richter.

Der Richter war auch berühmt dafür, niemals eine Todesstrafe zu verhängen. Angeblich saugte er den Schuldigen als Strafe die Seele aus dem Leib um sich an ihr zu nähren. Gelegentlich sollte er sie dabei ganz und gar verschlingen, so dass der Schuldige als seelenlose Hülle zurückbliebe. Tatsache war, dass der Richter die Schuldigen zu Zwangsarbeit verpflichtete. Sie mussten ihre Strafen abarbeiten, zum Wohle der Allgemeinheit. Meistens verdonnerte er sie zur Straßenreinigung. Sein Mord an Fetzer erschien Xv sehr untypisch für Gaberschneck. Fetzer stellte offensichtlich eine Bedrohung für die Stadt dar, denn das war wohl das Anliegen des Richters: Die Stadt zu schützen. Oder etwa Frja? Am Ende kam es auf das gleiche heraus.

7. Kapitel von Ulfs Reisen – In der Innenwelt

Kapitel 7

Karlchenson Ulf stand ganz oben auf dem Wachturm. Von hier aus hatte er einen herrlichen Ausblick über sein Innenleben. Am liebsten blickte er nach Osten, zur Küste. Aber auch der aktive Vulkan im Norden bot einen majestätischen Blickfang, oder die schneebedeckten Gipfel des Hochgebirges im Südwesten. Das alles hatten sie selbst geschaffen, mit Hilfe des Hohepriesters vom Blitzorden.
Es gab keine Tiere und kein richtiges Wetter hier drinnen. Die Pflanzen waren allesamt nur symbolisch gemeint. Auch den Sumpf im Nordosten oder die Wüste im Südwesten hatten sie erschaffen, um an sich arbeiten zu können. Das waren keine richtigen Klimazonen oder Vegetationszonen, sondern ihre persönlichen Innenlandschaften.
Angefangen hatten sie unten im Nebel. Dort hatten sie den Turm hinaufwachsen lassen, hoch hinauf über den Nebel hinaus, in den blauen Himmel, der Sonne entgegen. Dann hatten sie das Schloss erschaffen. Es war sehr weitläufig und verwinkelt. Der Hohepriester vom Blitzorden hatte die Absicht, mit ihnen die Hallen und Gänge des Schlosses zu erkunden. Bisher waren sie noch nicht weit gekommen, damit.
Der Knochenbrecher Ulf starrte ihn missbilligend an: „Er hat nicht gut aufgepasst.“ knurrte er. Er sprach in Espeeratsehae, genau wie der Teufel im Weinkeller gerade eben.
Karlchenson Ulf zuckte mit den Schultern: „Na ja, der Teufel war in unserem Kopf. Ich habe auch die Stimmen gehört, deswegen hat Räuber Ulf die Trolle nicht bemerkt.“
„Der Schädel ist gebrochen, ist dir das klar?“
„Ja, aber sie haben ihn wieder gerichtet. Sonst könnten wir doch gar nicht hier stehen und plaudern.“
„Räuber Ulf hat einen schweren Fehler gemacht. Das unser Körper noch lebt ist reine Glücksache.“
„Räuber Ulf hat uns immerhin bis hierher gebracht. Das ist eine großartige Leistung. Wir sind auf der richtigen Spur, um Frigg zu retten.“
„Wozu das ganze? Wir sollten in der Halle bleiben und uns eine andere Frau nehmen.“
„Den anderen können wir nicht trauen. Das weißt du genau. Deswegen sind wir überhaupt erst in diese Lage geraten.“
„Warum gehst du nicht raus?“
„Der Körper ist bewusstlos. Ich warte, bis er wieder bereit ist.“
Solange der Körper nicht bereit ist, hat der Innenwelt Himmel eine dunkle und graue Farbe, mehr ein Geschmack als eine Farbe, wie Asche oder Metall.
Das Land unten liegt immer im Nebel.
Der Turm ragt daraus hervor, reckt sich der wärmenden Sonne entgegen.
„Siehst du? Gleich ist es soweit. Der Himmel wird heller.“
Der Knochenbrecher war immer noch nicht fertig mit ihm: „Wenn sie uns die Akkus gestohlen haben…“
„Wir selbst haben diese Akkus jemandem gestohlen.“ erwiderte Karlchenson und wechselte zu Chignaz. „An jener Küste im Osten, Anlässlich unserer Plünderfahrt. Viele Gefahren haben wir überstanden und gemeistert. Deiner Hilfe haben wir keines Mal bedurft.“
Der Knochenbrecher blieb beim Espeeratsehae, ihrer Muttersprache aus Haigegehl: „Die Akkus gehören nicht den Menschen. Wir bewahren sie für die CREA+ORZ. Wir laden sie auf. Du musst besser aufpassen!“
Der Himmel färbte sich rosa, das Sonnenlicht begann honigartig, golden zu fließen und zu kleben.
Der Knochenbrecher stöhnte: „Sie betäuben uns.“
Und schon waren sie „weg vom Fenster“.

Karlchenson Ulf atmete frische, angenehm kühle Luft. Sein Kopf war federleicht und völlig frei. Sie hatten ihm das Haar und den Bart gewaschen. Er roch jetzt nach Zeder, Lavendel und einem Hauch Harz. Frigg war bei ihm und da wusste er, dass er nur träumte.
Beide waren sie nackt. Eigentlich hätte jetzt der Unlustige die Lage erkennen müssen und ihn auf Posten schicken. Aber bei Frigg war es immer anders gewesen. Das war ihm sofort aufgefallen, schon als er sie im Kloster aufgestöbert hatte, in der geheimen Kammer in der Bibliothek.
Gerade eben sagte sie zu ihm: „Das ist lieb, dass du versuchst mich von den fremden Teufeln zurückzuholen.“
„Wir sind immerhin verheiratet.“ sagte er und schielte nach ihren Brüsten. Er liebte diese Brüste. Erneut erstaunte es ihn, dass der Unlustige nicht übernahm. Er konnte seinen Blick über Friggs Körper gleiten lassen, die Rippen hinab, um den Bauchnabel herum, bis in den duftigen Schoss.
Sie lächelte: „Frauen habt ihr doch genug, um ein lausiges Nönnchen zu ersetzen. Mit Gripa kann man herrlich Kinder zeugen, Walxang ist auch sehr eifrig dabei, die jüngste vom Grünen Müller ist noch fast unbenutzt…“
„Red‘ nicht so, Frigg.“
„Das ist deine Welt, Karlchenson Ulf. Ihr seid Räuber am Meer. Während ich in meinem Kloster sitze und wie meine Schwestern und Brüder das Wissen der Menschheit in das nächste Jahrhundert zu retten versuche, indem ich uralte, stinkende Bücher abschreibe, ziehst du durch die Lande und brennst alles nieder.“
„Du weißt, dass ich nicht so bin.“
Sie kuschelte sich an ihn und lachte fröhlich. „Ja, ich weiß. Aber es quält dich immer so schön.“
„Woher soll ich wissen, ob du noch am Leben bist?“
„Das ist dein Problem, großer. Ich kann dazu gar nichts sagen. Ich hab auch keinen Schimmer wo ich jetzt stecke oder was das hier für ein Ort sein soll.“
„Sapperlot!“
„Jetzt sag ich aber mal Red‘ nicht so! Du sollst den Namen des Herrn nicht zum Fluchen benutzen! Dafür solltest du jetzt eigentlich Busse tun.“
„Wo ich grad so schön am Sündigen bin, fallen mir aber ganz andere Sachen ein, wenn ich dich so sehe, vor allem.“ Er grinste sehr zufrieden „Ist es genug Busse, wenn ich eine fromme Dienerin des Herrn ein bischen Verwöhne und ihr treu zu Diensten bin, so zwei drei mal, oder so?“
„Hmm. Für ein Sapperlot ist das mehr als angemessen, denke ich. Aber im Ernst jetzt! Wir befinden uns nur in deiner Imagination, in deinen Träumen. Du musst mich erst mal finden und hoffen, dass ich bis dahin noch am Leben bin. Also trödel nicht zu viel ‚rum“
Jetzt war um ihn herum wieder alles nur ein honigartiges Gewaber. Der Traum war ihm lieber gewesen. Vielleicht hatte der unlustige jetzt den Traum doch noch übernommen.

Träumen sie eigentlich jeder für sich, oder ist es wie mit dem Körper, dass sie sich die Träume teilen?

Sein Körper lag derweil auf einer Pritsche in einer Zelle in der Kaserne. Die Wächterin Khala hatte gerade mit Ulfs Vernehmung begonnen. Sie hatte sich versichert, unbemerkt die Zelle zu betreten. Dann hatte sie die erste Tür von Innen verriegelt, denn das konnte man bei der ersten Tür tatsächlich so machen. Jetzt erst war ihr so richtig aufgegangen, welchen Sinn das machte. So konnte sie eine garantiert ungestörte Vernehmung mit dem Räuber durchführen. Sie hatte den Mimr dabei, der sollte ihr dolmetschen. Also nahm sie ihn aus ihrer Tasche.

„Saluton Melogein.“ begrüßte sie ihn in der Sprache Nabalons.
„Saluton, policano.“ antwortete der kleine schrumpelige Albenkopf., „Wie kann ich dienen?“
„Ich möchte diesen Räuber vernehmen. Bitte teile mir seine Gedanken mit, dann geht es etwas schneller, als wenn ich ihn persönlich frage.“
„Trevolonte.“ schnarrte der Schrumpfkopf. Seine Stimme war gepresst, hoch und quiekend. Wie solch ein Mimr ohne Körper überhaupt sprechen konnte, war Khala ein Rätsel. Die Stimme schien aus dem Inneren des Schrumpfkopfes zu erklingen. Lippenbewegungen, Zunge und Mund waren wohl nur dem Anschein nach der Ursprung der Klänge.
„Gut. Wer ist er und was will er hier in Nabalon?“
„Er ist ein Menschling aus RzmeisTrs Welt, lebt zur Zeit in den Fjorden an der Lichtermehrküste im Südwesten des Kaiserreiches Aox, bei Drifting … äh, Schwimmstadt. Er hat Herrin Frjas POR+A nach Nabalon durchquert, um seine Frau zu retten, die von fremden Teufeln geraubt und entführt worden ist. Die Trolle von Nissön in der Funzel im achten Bezirk haben ihn im Weinkeller überwältigt, als er gerade dem anderen Menschling den Schädel eingeschlagen hatte.“
Khala hatte nur die Hälfte dieser Auskunft verstanden. Sie beschloss, den wesentlichen Fragen zu folgen: „Wer war der andere Menschling und warum hat er ihm den Schädel eingeschlagen?“
„Nun, der andere Menschling ist sein Sklave und hat seine Frau an die Funzel verkauft. Gaberschneck hat ihm das gesteckt und dann hat er zugeschlagen. Aus Zorn.“
„Ein Wutanfall? Furiozo?“
„Nein, richtiger Zorn, kolero. Dieser Räuber fühlt aber auch Hass, malamo. Er sieht den Sklaven nicht als eine Person, sondern als ein Teil des Problems.“
„Mi komprenas, ich verstehe. Also haben wir Freiheitsberaubung und versuchter Totschlag.“
„Die Funzel verzichtet auf eine Anzeige, den Sklaven habt ihr nicht vernehmen können.“
„Warum nicht?“
„Verzeihung, meine Reichweite ist nur begrenzt und ich werde ziemlich zugeballert mit Gedanken, in dieser Stadt, weißt du? Hier gibt es sehr viele Gedanken zu lesen. Ich kann mich auf diesen Räuber oder dich einstellen, aber für einen Gesamtüberblick solltest du besser weitere Vernehmungen durchführen.“
„Klaro. Mir gefällt das mit den Sklaven nicht. Die Funzel handelt mit Sklaven?“
„Der Sklave des Räubers nennt sich Wojer. Wojer hat eine andere Sklavin, deren Name Frigg lautet, an die Funzel verkauft. Was die dort mit ihr machen, weiß ich nicht. Deine Kameradin Eriksdotir ist auch auf diese Weise nach Nabalon gekommen.“
„Eriksdotir Freydis? Sie wurde als Sklavin an die Funzel verkauft?“
„Ja, vor ein paar Jahren. Da war sie zehn.“
„Zehn? Vor ein paar Jahren? Wie alt ist sie denn jetzt?“
„Jetzt ist sie sechzehn, nach dem Kalender ihrer Geburtswelt. In diesem Alter beginnen diese Art Menschlinge sich Partner zu suchen und zu vermehren.“
„Wie alt ist den dieser Menschling hier?“
„Karlchenson Ulf ist 23 Jahre alt.“
„Das heißt, er war jetzt sieben Mal bei den Paarungen?“
„So ähnlich, ja. Die Frauen in seiner Halle möchten sich zwar sehr gerne mit ihm paaren, aber er hat sich auf diese Frigg festgelegt.“
„Hmm. Wenn ich ein Menschling wäre, würde er mir dann ebenfalls gefallen?“
„Dazu kann ich nichts sagen. Ich lese zwar seine Gedanken, aber darüber zu spekulieren halte ich für müßig, Verzeihung, senkulpigu min.
„Danke.“ Sie packt den Mimr zurück in ihre Tasche.

6. Kapitel von Ulfs Reisen – Eriksdotir Freydis

Kapitel 6

Eriksdotir Freydis blickte amüsiert auf den verlegen herum drucksenden Heiler herab. Der Heiler hatte sein langes, glattes Haar gefärbt, wie es gerade Mode war, in einem strahlenden Apfelgrün mit irgendeinem starken Leuchteffekt, der ihn in einem geheimnisvollen Schimmer erstrahlen ließ. Freydis war einen Kopf größer als der Mann. Gronkh vom Zeughaus hatte sie als „Einsneunzigerin“ bezeichnet. „Du hast Glück, deine Sachen sin kaum benutzt, das isne seldene Größe.“ Gronkh mochte sie. Er gab ihr immer die beste Ausrüstung, wenn auch nicht die neuen, makellosen Sachen. „Abgenutz und zweckmäßig hat ne Aussage, kleine. Damit kriegst du mehr Respekt bei der Kundschaft als mit poliertem, modischen Zeug. Nur die planlosen Dussel kapiern das nicht.“ Gronkh war selber ein einsneunziger, aber anders als bei Freydis war bei ihm die Körperlänge fast identisch mit seinem Umfang.

Der Heiler war kein planloser Dussel. Er war auch keine Kundschaft. Eher ein Kundiger. Sein Name war Elbef. Gemeinsam mit ungefähr einem Dutzend weiterer Alben betrieb er eine Klinik, nur eine Straße hinter der Sektterasse an den Bädern. Die Klinik trug den Namen „Albensal“, wurde von den Wächtern aber Salbensal genannt. Hierher brachten sie die schwierigen Fälle, alle anderen brachten sie in das städtische Klinikum. Wer gar nicht mehr zu retten war, der wurde liegengelassen, Ghulfutter, oder, wenn er noch schreien konnte, kam er ins Gästehaus am Totenheim.

Die drei Menschen aus dem Weinkeller der Funzel, von gestern, hatten Glück gehabt. Freydis und Khala waren gerade auf ihrer Runde im achten Bezirk angekommen, als der Richter Gaberschneck genau vor ihren Nasen mit einem lauten Knall aufgetaucht war. Freydis hatte das einen gehörigen Schrecken versetzt, nicht jedoch Khala. Manchmal fragte sich Freydis, ob Khala vielleicht gar keine Gefühle hatte. So eine Art Fischnatur. Immer cool und konzentriert. Jedenfalls Khala fragte den Richter im selben Moment, als der mit einem lauten Knall genau vor ihren Nasen auftauchte, warum er die Arme voller Menschenblut habe.

Der Richter hatte nur gelacht. Sein Lachen war schon irgendwie sexy. Also der Richter selbst nicht besonders. Er sah aus wie ein Fass auf dürren Stelzen Beinen, hatte langes, fettes, strähniges Haar und ein Gesicht wie ein Schwein. Aber seine Stimme war voll und tief. Freydis machte das ganz wuschisch. Kaum hatte sie das gedacht, drehte er sich erstaunt zu ihr um, blickte sie an, ließ seinen Blick über ihren einsneunziger Körper gleiten. In Cihgnaz hatte er dann geraunt: „Menschlein, da unten im Keller liegt einer von deiner Art.“ und war dann mit einem weiteren Knall verschwunden. Nur eine Pfütze Menschenblut mit seinen Fußabdrücken blieb zurück. Er hatte genau auf der Gendenkplatte eines „Rainer „Der Rümmler“ G “ gestanden. Freydis mochte die Gedenkplatten. Sie gaben den Straßen etwas Stabilität, fand sie. Ausserdem reihten sie sich wie Gebetsperlen in ihren endlosen Rundgang über das Kopsteinpflaster der Stadt.

Wieder war es Khala gewesen, die sofort gehandelt hatte. Während Freydis noch auf die Blutpfütze mit dem Fußabdruck auf der Gedenkplatte starrte, setzte sich Khala bereits in Bewegung.

Sie rief: „Komm mit! Er hat auf die Funzel gezeigt.“

Also stürmten sie die Funzel, eine Gaststätte mit einem ziemlich düsteren Gastraum, der nur von einer einzigen mickrigen Funzel in der Mitte beleuchtet wurde, also eigentlich gar nicht. Die Gäste der Funzel wollten in den schattigen Nischen an ihren Tischen nicht gerne beleuchtet werden. Einmal hatte Freydis ihren Kameraden Inquisitor Buh gefragt, warum denn überhaupt eine Kerze in der Funzel stand. Buh hatte gegrinst und dabei erschreckend viele Zähne gezeigt: „Du brauchst ein Licht, damit du Schatten hast.“ Die Gäste der Funzel suchten also nicht die Dunkelheit, sondern den Schatten. Khala hatte genau gewusst wie sie rennen musste, um in den Weinkeller zu gelangen. Freydis war ihr einfach gefolgt.

Und dann hatten sie die drei Männer gefunden, und die Trolle.

Horzt hatte noch die Reste eines Holzschemels in der Pranke gehalten, während sie die schwerverletzten ausraubten. Sogar die zerschlissenen Hosen wollten sie ihnen nehmen. Nissön war dabei gewesen und das war ebenfalls ein großes Glück für die Männer. Nissön überließ die Menschen der Wache, behielt aber die geraubte Beute für sich und seine Leute, als „Finderlohn“, wie er sich ausgedrückt hatte.

Den Hohepriester Fetzer hatten sie dann zu seinem Tempel bringen lassen. Seine Leute dort würden sich um ihn kümmern. Er hatte unter Schock gestanden, war aber ansonsten unverletzt gewesen. Der Räuber und der Sklavenhändler hatten allerdings ärztliche Hilfe benötigt. Und deswegen war sie nun hier, sprach mit Elbef.

„Warum ist er ohnmächtig geworden?“ fragte sie, amüsiert über seine Verlegenheit.

„Es ist nur eine vasovale Synkope, überschießender Vagotonus, … er ist bestimmt schon wieder wach. Wenn nicht, nimm ihn einfach mit und im Handumdrehen geht es ihm wieder gut. Wir haben ihm den Mimr eigentlich mitgeben wollen, aber wenn er ihn sieht, fängt er immer wieder an zu schreien und fällt erneut in Ohnmacht. Nimm du ihn besser an dich, Eriksdotir Freydis.“ Er überreichte ihr feierlich den apfelgroßen, blonden Schrumpfkopf. „Angenehm, Melogein…“ konnte der gerade noch rufen, bevor sie ihn in ihrem Ranzen verschwinden ließ.

„Euch sei Dank, und allen euren Brüdern, für die großzügige Hilfe. Wunderbar sind eure Künste..“

„Ist schon gut, machen wir doch gerne. Wir lassen die beiden zur Kaserne bringen, dann könnt ihr sie befragen. Der Mimr sagt, sie sprechen Kischnas…“ „Cignaz.“ „Wie auch immer. Ich muß jetzt aber leider wieder rein. War schön, dich mal wieder zu sehen, Eriksdotir Freydis. Bis zum nächsten mal.“ Er entfernte sich rasch und wedelte einem Troll Anweisungen zu, der ihm folgte.

Freydis mochte die Alben vom Albensal. Wer hier zusammengeflickt wurde war hinterher in besserem Zustand als jemals zuvor und angeblich schenkten die Alben ihren Patienten jeweils sieben Jahre zusätzliche Lebenszeit. Sie war gespannt, wie der stinkende Räuber jetzt wohl aussah. Irgendwie hatte sie das Gefühl, ihn kennen zu müssen. Wie hatte Gaberschneck gesagt? „…einer von deiner Art.“ Das konnte einfach nur bedeuten, dass er ein Mensch war, oder aber, dass er von den Fjorden kam, wie sie. Kleidung und Frisur sprachen sehr für einen Fjordbewohner, genau wie die Sprache Chignaz. Das erinnerte sie an den Mimr. Sie kramte ihn aus dem Ranzen und hielt ihn so, dass sich ihre Blicke treffen konnten, aber nicht zu hoch und auch nicht zu nah.

„Hallo, Melogein.“ sagte sie, im hiesigen Plausch.

„Hallo, äh…, wie kann ich dienen?“

„Fliegst Du?“

„Nein, du musst mich halten.“

„Was weißt du über die Menschlinge?“

„Der eine nennt sich Wojer und ist Sklave des anderen, der sich Karlchenson Ulf nennt. Karlchenson Ulf hat die Halle am Ende des Adlerakerfjords, genannt Hinnerdal. Der Fjord ist Teil der Lichtermeerküste im Süden des Reiches Xosmadina auf dem Kontinenten Aox…“ „Ja, ich kenne dieses Land. Erzähl mir lieber von den Menschlingen.“ „Nun, der Sklave hat offensichtlich selbst einen Handel gestartet und einige Menschlinge an die Funzel verhökert. Wie wir sehen, ist das auf wenig Gegenliebe gestoßen. Ulf hat ihm eine laterale Mittelgesichtsfraktur zugefügt, nämlich eine dislozierte Jochbeinfraktur mit Diastase am lateralen Rand der Augenhöhle…“ „Danke, ich glaube ich habe verstanden. Woher weißt du so viel über die beiden?“ „Na, ja. Ich kann Gedanken lesen.“ „Meine auch?“ „Klaro!“ „Merdo!“

Schnell packte sie den Mimr wieder in ihren Ranzen. Ob das was brachte? Jedenfalls brach sie nun auf zur Kaserne, wo die Trolle mit den Menschlingen sicher kurz nach ihr eintreffen würden, zum Verhör.

5. Kapitel von Ulfs Reisen – Salbensal

Kapitel 5

Wojer war der erste, der wieder erwachte. Sein Kopf war herrlich leicht, irgendwie wolkig. Es war, als hätte sich endlich ein Eisenband gelöst, das ihm den Schädel viele Jahre gepresst hatte. Er atmete gute Luft, die beste Luft die er jemals geatmet hatte. Es roch nach frischem Lavendel und Bienen summten. Als er die Augen öffnete, blickte er in ein Licht. Diese fremden Teufel standen um ihn herum und er lag auf einen Tisch geschnallt. Sie blickten ihn freundlich lächelnd an, irgendwie erwartungsvoll und aufmunternd.

Anders als die fremden Teufel vom Steinkreis. Die waren riesengroß gewesen, klobig und hatten immerzu geschwankt. Die fremden Teufel, die ihn jetzt umringten waren schlank, großgewachsen und sehr hübsch. Waren das Männer oder Frauen? Wojer konnte es nicht erkennen. Sie hatten alle glattes, langes Haar, jeder in einer anderen Farbe des Regenbogens. Die langen Spitzen ihrer Ohren ragten daraus hervor. Sie trugen Kleidung wie die Bewohner von Fui Woit, die sich in lange bunte Stoffbahnen wickelten. Piktas waren das, sehr begehrte und teure Gewänder. Wojer verachtete die Fui Woiter, denn sie waren arrogant und üble Sklavenhalter. Einer der fremden Teufel redeten nun mit ihm: „Lesu Ilon! Man eneflin?“ Von der Stimme her war es ein Mann. Wojer hob den Kopf, um die Umgebung in Augenschein zu nehmen. Der Tisch stand in einem hellen Raum. Alles war weiß. Die Wände waren weiß, der Boden, die Decke. Die Decke war sehr hoch, ein verputztes Kreuzgewölbe. Kein Ruß, keine Spinnweben, kein Dreck. Alles hell und strahlend weiß. Fenster konnte er keine sehen, aber von irgendwo her kam Frischluft. Nicht kalt, aber angenehm kühl. Ein stetiger, sanfter Luftstrom. Lavendel und Bienen konnte er nirgendwo entdecken. Ihm wurde schwindelig.

Erschöpft ließ er sich wieder auf das Kissen sinken.

Ein Kissen? Jemand hatte ihm ein Kissen untergeschoben. Er fühlte sich gar nicht wie ein Gefangener, hier.

Wie konnte es hier so hell sein? Wojer hatte keine Lampe oder andere Lichtquelle entdecken können. Das Licht schien überall gleich zu strahlen. Es gab keine Schatten, hier im Raum.

Sie gaben ihm zu trinken.

Frisches, kühles Wasser in einem Becher aus hellem Silber.

Dann gaben sie ihm zu essen.

Knusprige, weiße Scheibchen, die nach Salz, Öl und Krabben schmeckten. Sie zergingen ihm auf der Zunge.

Immerzu redeten sie auf ihn ein, freundlich, beruhigend, aufmunternd. Wojer beherrschte zwar viele Sprachen, aber diese war ihm völlig fremd.

Gerade sagte einer mit rosa Haar: „Telichned adujal nanadabnin?“

Jetzt hielt ihm jemand etwas hin. Er sollte es sich wohl betrachten. Also schaute Wojer, was das war, das sie ihm vor die Nase hielten, lächelnd und aufmunternd, wie einem Säugling die Rassel.

Es war ein Schrumpfkopf und er war blond.

Der fremde Teufel rief ihm zu: „Annon, annon!“, dabei wedelte er mit dem Schrumpfkopf.

Einer mit orangenem Haar sagte zu seinem blauhaarigen Nachbarn: „Manfiha amahin. Ichamad valen egor ichamad galen?“ der antwortete: ¨Ichamad valen bain afan igalen.“

Wojer griff danach und hielt ihn teils angewidert, teils ehrfürchtig mit beiden Händen, nicht zu nah am eigenen Gesicht, aber nah genug, um ihn eingehend zu betrachten.

Die Haut des Schrumpfkopfes war dunkel vom Gerben, aber immer noch sehr hell, wie die der fremden Teufel. Dies und das helle Haar, ließen Wojer vermuten, dass sie einen der ihren auf diese Weise verarbeitet hatten.

Wie grauenvoll! Im ganzen Reich gab es nur drei Stämme, die ihren Feinden die Haut von den Köpfen abzogen und in dieser Weise verarbeiteten. Diese Stämme lebten aber ganz im Norden, im Nordosten, am entgegengesetzten Ende der Welt. Nun, diese fremden Teufel waren wohl genauso grausam zu ihren Feinden.

Der Schrumpfkopf öffnete die Augen und blickte ihn an. Dann lächelte er und sprach: „Sei gegrüßt, Sklavenhändler!“

Wojer schrie und ließ den Kopf fallen, dann wurde er ohnmächtig.

Dirion blickte etwas ratlos auf den ohnmächtigen Menschen vor ihm auf dem Behandlungstisch. Der Mensch war männlich, Mitte zwanzig, Sklavenhaarschnitt, sein Zustand … menschlich. Dirion hatte sich daran gewöhnt, dass Menschen ihre eigenen Körper so schlecht behandelten. Sie ernährten sich nicht gut, bewegten sich nicht gut und setzten sich viel zu freizügig schädlichen Einflüssen aus. Dieser hier kam vom Land, also nicht aus der Stadt und er lebte wohl am Meer. Dirion sehnte sich nach dem Meer. Was würde er dafür geben, einmal das Meer zu sehen. Die Erzner hatten eine POR+A, die zur Silbersee am Fuße des Himmelsberges führte, hieß es. Sogar hier im Bäderbezirk gebe es eine POR+A zum Oceanus, dem sagenhaften Gewässer. Die Straggeler kannten alle POR+AS und deren CLAVES, aber dieses Wissen teilten sie nicht gerne. Dirion fragte sich, wo dieser Mensch wohl die Stadt betreten hatte und von welchem Meer er gekommen war. Befragen konnten sie ihn offensichtlich nicht dazu. Eigentlich war aber alles erledigt, der Patient vollständig genesen. Sie hätten ihn jetzt in die Wachstube bringen lassen können und es dabei belassen. Die Wächterin wartete ja bereits im Besuchersaal. Doch Tergondir hatte die Idee mit dem Mimr unbedingt in die Tat umsetzen wollen.

Jetzt kleideten sie den Menschen in einen Kimono aus Baumwoll Flanell und steckten ihm den Mimr in die Seitentasche. Soll sich doch die Wache um ihn kümmern. Der nächste Patient war jedenfalls kein Notfall.

„Tergondir, sei so gut und rufe doch bitte ein paar Trolle, dass sie die Menschlinge zur Kaserne bringen.“

„Soll ich Koemgein und seine Leute schicken? Athulf und seine Bande haben neulich eine Patientin gegessen, statt sie abzuliefern.“

„Ja, du hast recht. Schick lieber Koemgein. Wen haben die denn gegessen?“

„Ich glaube eine Hunde Erznerin namens Mr=sgr.“

„Merit Seger?“

„Ja, genau, Mr=sgr.“

„Gab es Ärger?“

„Och… nicht mehr als sonst. Sie wollten uns dafür verantwortlich machen. Also haben wir dafür die volle Verantwortung übernommen. Damit war die Sache dann erledigt. Zum Glück hatten Athulf und seine Leute die Gebeine übriggelassen, so konnten wir wenigstens diese überführen. Trotzdem eine hässliche Sache. Wir sollten Athulf und seine Leute lieber an die Arena verkaufen, dort passen sie besser rein.“

„Das ist ein sehr guter Vorschlag, Tergondir. Jetzt mache ich mir doch ein bischenSorgen um diese Menschlinge hier.“

„Koemgin ernährt sich nur von Geflügel, Lamm und Fisch, glaube ich. Sie haben andere Sitten, als die Gruppe von Athulf. Es ist wie mit den Menschen und ihren Religionen.“

„Na, dann hoffen wir mal das beste. Elbef, sei bitte so gut und sprich mit der Wächterin im Wartesaal. Wir sind hier fertig.“

4. Kapitel von Ulfs Reisen – Im Weinkeller unter der Funzel

Ulf stolperte über eine Stufe und fiel vornüber auf harte Steinplatten. Sein Griff ließ Wojer keinen Augenblick entrinnen. Hätte er den Druiden nicht mit sich zerren müssen, wäre er vielleicht elegant abgerollt, aber so klatschten sie beide zu Boden. Ulf schob sich sofort auf seinen Gefangenen, der nun unter ihm auf dem Bauch lag und keuchend nach Luft rang. Er war jetzt ganz der Räuber.

„Wo sind wir hier?“ knurrte er und packte Wojers Haar am Hinterkopf.
Sie hatten kein Licht. Es hörte sich an wie ein Kellergewölbe, es war trocken und kühl, Rotweingeruch hing in der Luft. Irgendwoher kam sehr langsam aber stetig Frischluft, von unten weiter vorne. Es war nicht sehr kalt, aber kühl. „Ich weiß es nicht, ich…“ Ein lauter Knall unterbrach Wojers Gewimmer. Das Licht ging an. Genau neben ihnen tauchten zwei Gestalten auf. Der eine lag nun fast Kopf an Kopf mit Wojer, jedoch auf dem Rücken. Auf ihm hockte eine groteske Gestalt, mit einem Leib wie ein Fass, mit dürren, langen Beinen und Armen, die in gefährlichen Klauen endeten und mit einem kugelförmigen Kopf mit dem Gesicht wie ein Schwein. Der unten liegende Schrie ganz schrecklich, denn das Schweinsgesicht riss ihm gerade den Brustkorb auf und begann nach dem Herzen zu wühlen.

Wojer bekam von all dem nur den Knall und die Schreie mit, aber der Räuber Ulf konnte alles genau erkennen, was da fünf Armlängen von ihm entfernt geschah. Es war nicht das erste mal, das er so etwas mit ansehen musste, aber es war das erste mal, dass er jemanden das mit den bloßen Händen machen sah. Die Schreie waren wirklich grauenvoll. Wem immer der Keller gehörte, würde bald kommen und nach dem Rechten sehen, und zwar sehr alarmiert. Räuber Ulf drückte Wojers Schädel zu Boden, der verzweifelt versuchte, sich irgendwie zu befreien.
Es war ein Weinkeller. Handfässer lagerten in vier Etagen an den grau verputzten Wänden. Kein Salpeter und keine Spinnweben! Noch nie hatte Räuber Ulf einen so sauberen Weinkeller gesehen.
Das Schweinsgesicht hielt ihm jetzt triumphierend das Herz entgegen. Es schlug noch, und zwar ziemlich schnell. Es zappelte. Der zerfetzte hatte aufgehört zu schreien. Das Herz wurde schnell langsamer. Die beiden sahen andächtig zu, wie es schließlich erstarb.

„Brauchst du Hilfe bei deinem?“ fragte das Schweinsgesicht mit tiefer, bassiger Stimme. Er sprach in Espeeratsehae, sozusagen Ulfs Muttersprache, die der schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört hatte. Er hatte diese Sprache auch gelernt, auf seinen Raubzügen. Sie waren also irgendwo in Haigegehl, dem Land der Hirten und Holzfäller. Hier hatte Ulf seine Kindheit verbracht, das wusste der Räuber. Aber das war nicht möglich! Im ganzen Land gab es keine solchen Keller und auch keine solchen Fässer mit Rotwein. Andererseits, er war lange fort gewesen.
„Nein, geht schon. Muss ihn noch was fragen.“ brummte Räuber Ulf. Sein Sitznachbar stopfte nun das Herz zurück in den Leib des Opfers und begann die Organe vorsichtig zu ordnen, als wolle er sie wieder zusammenfügen.

„Er lügt dich an.“ sagte das Schweinsgesicht. „Er macht Geschäfte mit dem Inhaber. Er glaubt, dass du ihn töten wirst, also sagt er nichts.“
„Kannst Gedanken lesen?“ Räuber Ulf klemmte Wojers Arme auf dessen Rücken und ließ ihn nur flach atmen. Zur Warnung knallte er ihm den Schädel auf die steinerne Bodenplatte. Wojer jaulte auf vor Schmerz.
„Klar, du nicht?“ Jetzt bog er den aufgerissenen Brustkasten wieder zusammen und irgendwie hakte er die Knochen ineinander. Er riss sich ein paar seiner langen, strähnigen Haare aus und zwirbelte daraus eine Art Garn.
„Nein. Er sagt, fremde Teufel haben meine Frau entführt und ich vermute, sie sind irgendwo hier vorbeigekommen.“ Wieder knallte Räuber Ulf Wojers Schädel hart auf den Boden. Wojer wimmerte nur noch erstickt.
„Wenn du das noch mal machst, ist er…“ „Jotta, ich weiß…“ „…mit sowas kennst du dich aus.“ „Jetzt liest du meine Gedanken.“ „Jotta, tu ich!“.

Erstaunt bemerkte Räuber Ulf, wie das Schweinsgesicht die Haut seines Opfers mit kleinen Knötchen des Haargarnes zusammenflickte. Vom Hals bis zum Bauchnabel verschloss er ihm wieder den Leib. Jetzt erst vermisste er das Blut. Wo war das Blut? Normalerweise gingen solche Behandlungen einher mit großen Mengen von Blut, überall. Nur die Fetzen der Robe des Toten waren blutgetränkt und die Klauen und Arme des Schweinsgesichts. Aber das war erstaunlich wenig.
„Weiß er wo meine Christin ist?“ „Nein, er hat sie verkauft.“

Wojers Kopf knallte diesmal so fest auf den Boden, dass der Schädelknochen über dem Auge knackte. Jetzt war Wojer still. Das Schweinsgesicht lachte glucksend: „Laterale Mittelgesichtsfraktur, nämlich dislozierte Jochbeinfraktur mit Diastase am lateralen Rand der Augenhöhle.“ sagte er. Räuber Ulf kannte diese Sprache jedoch nicht. Er blieb jetzt lieber beim Espeeratsehae. „An wen hat er sie verkauft?“
„Ich vermute an ihn.“ der Schweinsgesichtige deutet an Räuber Ulf vorbei. Der wandte sich um und während er mit einem Holzschemel niedergeschlagen wurde, verschwand sein Gesprächspartner mit einem lauten Knall.

Vier bullige Trolle mit ledernen Schürzen stapften zwischen den drei reglosen am Boden liegenden umher und verschafften sich einen Überblick. „Du hättst ihm nich so niederschlagen solln.“ sagte der größte von ihnen. Seine Mähne war schon grau, aber man konnte das Zebramuster immer noch erkennen, an den hellen und den dunklen Grautönen. Er hatte die Mähne gestutzt, auf die Länge einer Fingerbreite. Der mit dem zerbrochenen Holzschemel in der Pranke erwiderte: „Ey, Nissön, der hat ihm den Kopf auffen Boden gehauen, so bumm bumm bumm. Äh, dreimal!“ „Na und? Was hast DU dann mit ihm gemacht, hä?“ Nissön umrundete die liegenden und begann Fetzers Kleidung zu durchwühlen. Der dünnste von ihnen wendete ein: „Ich find Horzt hat das gut gemacht. Jetz halten die alle schön still un keiner zappelt rum, wenn wir se filzen.“ „Danke, Fjodr.“

„Lebter noch?“ fragte der vierte, er stand erschreckend still. Die anderen drei schwankten und wiegten sich ununterbrochen, wie Tannen im Wind oder auf Wellen tanzend. Er aber nicht. Er stand reglos da. Nissön fragte: „Welchen meinsten? Ich seh den Priester, den Sklavenhändler und sonen stinkenden Räuber.“ „Egal.“ sagte der reglose, „Leben die oder sindie tot?“ „Die leben alle noch.“ Jetzt wühlten alle drei in den Kleidern der Menschen und steckten sich alles ein, was sie erbeuten konnten. „He! Der hat ja Akkus in die Hose genäht. Wo hatter die denn her?“ „Rufen wir die Wache?“ „Nö, das geht schon.“
Von der Treppe her erklang eine kräftige Frauenstimme: „Richtig! Wir sind schon da. Ihr braucht uns nicht rufen.“ und dann: „Und zieht dem Kerl die Hose wieder an, also wirklich!“